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Faserungen I

Faserungen I

2007      Farbiges Garn, Nylonfaden, Blei      450 x 600 x 600 cm (variabel)

Faserungen betitelt Kathinka Willinek ihre Installation, die sie aus der Werkgruppe der RaumBilder entwickelt und eigens für die Räume des ehemaligen Damenbekleidungsgeschäfts Maassen am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg realisiert hat.

Vor der Erfahrung flüchtiger Bildwelten im Internet und den Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung spürt die ausgebildete Keramikerin und Videokünstlerin der technischen Produktion und Kodierung medialer Bilder nach. Dabei fordern ihre Arbeiten auch auf, zu überprüfen, was zwischen dem Sehen und unserer Wahrnehmung stattfindet.

In der Mitte des Raumes, eingerahmt von zwei Stützen, leuchtet eine Gruppe von fünf lebensgroßen Frauenfiguren auf, deren Alter, Kleidung und unterschiedliche Pose weibliche Rollenbilder aufrufen. Da ist die ‚aufständische Arbeiterin’ im langen schweren Rock und mit zurückgebundenem Haar, die in aufrechter Haltung selbstbewusst aus der Mitte heraustritt. Zu ihrer Linken verkörpert eine andere die ‚mütterliche Beschützerin’, die eine kleine Katze, ein Kind oder auch ein zerbrechliches Tongefäß behutsam in den Armen hält. Den Typ der ‚modernen Frau’ könnte die selbstverliebt Tänzelnde im rot-blau gemusterten Kleid im Stil der fünfziger Jahre figurieren. Die Arme kokett in die Taille gestützt, scheint sie geradezu über den Boden zu schweben.

Nah und doch distanziert, an- und zugleich abwesend, schimmern die fünf Figuren aus dem dunklen Raum auf und verflüchtigen sich im nächsten Augenblick zu Traumbildern. Ihr Oszillieren zwischen erstarrter Pose und lebender Skulptur, Wahrnehmung und Imagination, zweidimensionalem Bild und körperlich-plastischer Erscheinung im Raum macht die besondere Faszination des ‚tableau vivant’ aus.

Dem Geheimnis ihrer materiellen und technischen Herstellung kommen die Betrachter erst beim Nähertreten auf die Spur. Die Figuren muten wie flirrende Monitore oder Lichtbildprojektionen an, basieren aber auf akribischer zeitaufwendiger Handarbeit. Nylonfäden, die in Abständen von 1 cm von der Decke hängen bilden fünf etwa 80 cm breite Vorhangbahnen in versetzter Anordnung. Diese dienen als Bildträger, an welche Kathinka Willinek kurze Bindfäden unterschiedlicher Farbe geknotet hat. Wie vor einem pointillistischen Gemälde verschmelzen aus der Entfernung die einzelnen Knotenpunkte in der Wahrnehmung der Betrachter. Im Spiel des reflektierenden Lichts und der Luftzirkulationen im Raum beginnen sich die Figuren wie aus einer inneren Dynamik heraus aus ihren erstarrten Posen zu regen. Besonderen sinnlichen Reiz entwickelt der rot-blau schillernde Kleiderstoff der ‚Tänzerin’ im Lichtspiel. In solchen Partien verdichten sich die Knoten, wie auch in dem ausdruckstarken Gesicht der ‚Arbeiterin’, die ebenso eine ‚Weberin’ darstellen könnte.

Für ihre RaumBilder greift Kathinka Willinek bewusst auf die gemeinhin mit typischer Frauenarbeit assoziierte Knüpf- und Webtechnik zurück, die sie mit mechanischer Fabrikation bzw. digitaler Bildgenerierung konfrontiert. So dienen ihr vorgefundene digitalisierte Fotografien aus dem Internet als Bildvorlage, welche sie beim Knoten wie ein Stickmuster hinter den transparenten Bildträger aus Nylonfäden spannt. Wird ein Knoten gesetzt, ist er nicht einfach wieder zu lösen. Augenzwinkernd erlaubt sie sich Abweichungen und Auslassungen gegenüber der fotografischen Vorlage – Leerstellen, die an das Vorstellungsvermögen der Betrachter appellieren und Räume für Phantasien eröffnen.

Zeit stellt ein wesentliches Moment in den Arbeiten von Kathinka Willinek dar. Nicht nur bedarf es Zeit, um die RaumBilder zu knoten, auch entfaltet die Installation erst in der Begehung und im wechselnden Licht ihre sinnlichen und spielerischen Qualitäten. Die schillernden Figuren verführen die Betrachter zum träumerischen Flanieren im Raum, zum Erproben von Perspektiven, Durchblicken und Zwischenräumen. Neue Konstellationen der Figuren im Raum entstehen, wenn einzelne verschwinden, sich auseinander bewegen oder miteinander verschmelzen. Die Ausstellungsbesucher erleben flüchtige Blickwechsel und überraschende Begegnungen und werden dabei zu einem Teil der Faserungen.

Caroline Philipp, Kunsthistorikerin